Was ist eigentlich eine Oma?
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Was ist eigentlich eine Oma?

Manchmal braucht es die ungetrübte Sicht eines Kindes, um uns an das Wesentliche im Leben zu erinnern. In einem Aufsatz einer achtjährigen Schülerin findet sich eine entwaffnend ehrliche und zugleich tiefgründige Definition dessen, was Großeltern für Kinder so besonders macht. Es ist eine Liebeserklärung an die Langsamkeit und das bloße „Dasein“.

„Eine Oma ist ein Mensch, der keine eigenen Kinder hat; deshalb hat sie die kleinen Mädchen und Jungen von anderen Leuten lieb.

Ein Opa ist ein Mann-Oma, der mit Jungen spazieren geht und sich mit ihnen über Angeln und Treckern unterhält. Omas brauchen nichts zu tun. Nur eben da sein. Sie sind alt, deshalb sollten sie nicht zuviel anstrengend spielen oder rennen. Sie sagen nie „nun mach doch mal schnell“. Sie sind gewöhnlich dick, aber doch nicht zu dick, den Kindern die Schnürsenkel zu binden.

Sie tragen Brillen und komische Unterwäsche und sie können ihre Zähne und Gaumen herausnehmen.

Omas brauchen auch nicht besonders schlau zu sein, nur Fragen beantworten, warum zum Beispiel Hunde Katzen hassen und warum Gott nicht verheiratet ist. Sie sprechen nicht diese blöde Babysprache wie andere Leute. Wenn sie uns vorlesen, lassen sie nichts aus und es macht ihnen nichts, wenn es immer wieder diesselbe Geschichte ist.

Jeder sollte eine Oma haben, besonders wenn man kein Fernsehen hat, denn Omas sind die einzigen Erwachsenen, die Zeit haben.“

Aufsatz einer Achtjährigen
(Quelle: entnommen aus dem Hauskurier des Aja-Textor-Goethe Hauses)

Warum ist die „Zeit der Großeltern“ so wertvoll für die Seele?

In unserer leistungsorientierten Welt, in der Eltern oft zwischen Job, Haushalt und Erziehung jonglieren, herrscht oft Zeitdruck. Sätze wie „Nun mach doch mal schnell“ gehören fast schon zum Alltagston. Kinder spüren diesen Druck sehr genau. Großeltern hingegen verkörpern oft einen Gegenentwurf: Sie müssen nichts mehr „werden“ oder „erreichen“. Sie dürfen einfach „sein“.

Diese Form der absichtslosen Zeit ist für die psychische Entwicklung von Kindern ein unschätzbares Geschenk. Es ist ein Raum, in dem Fragen nach Gott und der Welt Platz haben, ohne dass sofort eine „schlaue“ oder funktionale Antwort folgen muss. Wenn eine Oma zum zehnten Mal dieselbe Geschichte vorliest, vermittelt das dem Kind Sicherheit, Beständigkeit und das Gefühl: Du bist es wert, dass ich mir diese Zeit für dich nehme.

Wie können wir diese Qualität der Zeit in unseren Alltag retten?

Wir können von diesem „Oma-Prinzip“ viel für unsere eigenen Beziehungen lernen – egal, in welcher Generation wir uns befinden. Es geht um die Qualität der Aufmerksamkeit. Psychologische Begleitung bedeutet oft genau das: Einen Raum zu schaffen, in dem der Zeitdruck draußen bleibt. In dem man nicht „schnell machen“ muss, sondern in dem die eigene Geschichte so oft erzählt werden darf, bis sie sich stimmig anfühlt.

In meiner Beratung in Karben schauen wir oft darauf, wie wir solche „Inseln der Zeit“ wieder in das eigene Leben integrieren können. Wie können wir den inneren Antreiber, der ständig zur Eile mahnt, besänftigen? Wie finden wir zurück zu einer Form der Zuwendung, die nichts erwartet, sondern einfach nur da ist? Oft sind es gerade die einfachen, „unaufgeregten“ Momente, die uns am tiefsten nähren und uns wieder mit unserer eigenen Kraft verbinden.

Welche Vorteile bietet eine generationenübergreifende Sichtweise?

Wenn wir uns erlauben, die Welt wieder öfter durch die Augen eines Kindes – oder mit der Gelassenheit einer „Oma“ – zu sehen, verändert sich unser Stresslevel. Wir erkennen, dass wir nicht immer „besonders schlau“ sein müssen, um wertvoll für andere zu sein. Echtes Interesse und Zeit sind die stärksten Bindungsmittel, die wir haben.

Diese Sichtweise entlastet das gesamte Familiensystem. Sie nimmt den Druck von den Eltern, perfekt sein zu müssen, und gibt den Großeltern die Würde ihrer wichtigen Rolle zurück. Am Ende ist es die emotionale Sicherheit, die uns trägt. Jeder von uns braucht ab und zu diesen „Oma-Moment“: Jemanden, der zuhört, der nichts auslässt und der uns das Gefühl gibt, dass die Welt für einen Augenblick stillstehen darf.

„Zeit ist das kostbarste Geschenk, das wir einander machen können. Sie ist das Fundament, auf dem Vertrauen und Geborgenheit wachsen.“
Ihre MAGENTA Arnold-Nickel

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